Mathematikerinnen für den Weltraum – Colored Computers

In den 1950er und 60er Jahren, zur Zeit der Rassentrennung in den USA, arbeiteten afroamerikanische Frauen bei der US-Raumfahrtbehörde NASA als sogenannte Colored Computers. Frauen, die mit Stift, Papier und Rechenmaschine komplexe mathematische Berechnungen für Raketenflüge, Satelliten und später Mondmissionen durchführten. Bis heute bleiben diese Frauen in der Geschichte der Raumfahrt meist unerwähnt. 

Rassentrennung – Getrennt und gleich

In den USA der 1950er Jahre herrschte besonders im Süden ein strenges System der Rassentrennung. Schwarze und weiße Menschen lebten getrennt – in Schulen, Bussen, Restaurants, sogar bei Toiletten. Diese Trennung war gesetzlich verankert und beruhte auf der Vorstellung, dass Schwarze Menschen „getrennt, aber gleich“ behandelt würden. In Wirklichkeit bedeutete es jedoch Benachteiligung und Diskriminierung auf allen Ebenen.

Auch gebildete afroamerikanische Frauen litten unter diesen Einschränkungen. Trotz guter Ausbildung – oft an sogenannten „Historically Black Colleges“ – erhielten sie nur selten qualifizierte Berufe. Wenn sie eine Anstellung fanden, wurden sie schlechter bezahlt, hatten kaum Aufstiegschancen und wurden oft auf einfache Tätigkeiten beschränkt. Selbst wenn sie die Chance hatten, in besseren Berufen zu arbeiten, spürten sie dort die Rassentrennung: Afroamerikanische Mathematikerinnen durften zwar arbeiten, mussten aber in getrennten Büros sitzen, separate Eingänge benutzen und konnten nicht frei an Besprechungen teilnehmen.

Die Rassentrennung in den USA wurde schrittweise beendet, wobei wichtige Meilensteine das Ende der Rassentrennung an Schulen 1954 und die Verabschiedung des Civil Rights Act 1964 waren. Der Civil Rights Act von 1964 hob die Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen auf.

Wettlauf ins All

Der Wettlauf ins All oder Space Race kennzeichnet den Konkurrenzkampf zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in den 1950er und 1960er Jahren. Beide Supermächte wollten durch Erfolge in der Raumfahrt ihre technische Überlegenheit und politische Stärke beweisen. Dieser Wettstreit war nicht nur ein Kampf um Raumfahrttechnik, sondern auch Teil des Kalten Krieges. Er beeinflusste Bildung, Wissenschaft und Politik in beiden Ländern. Tausende Menschen – Ingenieur:innen, Mathematiker:innen und Techniker:innen – arbeiteten im Hintergrund, oft unter großem Druck.

1957 schockte die Sowjetunion die Welt mit dem Start von Sputnik, dem ersten künstlichen Satelliten. Kurz darauf folgte Juri Gagarin als erster Mensch im All (1961). Ein Jahr später folgte der NASA-Astronaut John Glenn, der als erster Amerikaner die Erde in einem Raumschiff umkreiste. Die USA reagierten mit dem Apollo-Programm – und erzielten 1969 einen historischen Triumph: Neil Armstrong betrat als erster Mensch den Mond. Der Space Race endete offiziell mit der Mondlandung.

„Lass das Mädchen die Zahlen checken“ (John Glenn)

Computer in Röcken – Colored Computers

Frauen wurden bereits in den 1930er und 40er Jahren in der amerikanischen Luftfahrt eingesetzt. Sie führten damals vor allem Windkanal-Berechnungen durch. Ihre Berechnungen waren die Grundlage für die Entwicklung von Flugzeugen. Frauen wurden deswegen eingesetzt, weil sie billiger waren als ihre männlichen Kollegen. Bei diesen Jobs ging es für die studierten Mathematikerinnen aber vor allem um die genaue Arbeit, weniger um das Verstehen der Berechnungen. Bald bekamen sie den Namen „Computer in Röcken“. Ab den 1940er Jahren warb die NACA (der Vorläufer der NASA) gezielt auch afroamerikanische Frauen von schwarzen Traditions-Unis an. Am Anfang arbeiteten sie streng getrennt von ihren weißen Kolleginnen und Kollegen. Ihre Büros lagen in weit entfernten Gebäudeteilen, und sie mussten eigene Toiletten benutzen. Manche weißen Mitarbeitenden wussten nicht einmal, dass auch afroamerikanische Frauen dort arbeiteten. Diese von den anderen Mitarbeiter:innen getrennte Frauen wurden als „Colored Computers“ bezeichnet.

„Du musst aussehen wie ein Mädchen, dich benehmen wie eine Lady, denken wie ein Kerl und arbeiten wie ein Hund“ (Mathematikerin Macie Roberts, Chefin des rein weiblichen „Computer“-Pools am JPL in Pasadena)

Diese Colored Computers hatten es in der Männerwelt in der Nasa doppelt schwer: Sie waren weiblich und dazu noch schwarz. Es war üblich, dass die Männer glänzten und ihre Erfolge gefeiert wurden – die Frauen arbeiteten ihnen nur zu. Die schwarzen Frauen hatten häufig weite Wege zu ihren Toiletten, durften nicht dieselben Kantinentische benutzen und hatten einfach nur den Mund zu halten. Sie waren auch von wichtigen Meetings ausgeschlossen.

Die drei Colored Computers – Johnson, Vaughan und Jackson

Besonders drei der Colored Computers schrieben Geschichte und wurden im Buch „Hidden Figures“ von Margot Le Shetterly behandelt. Das waren die drei Mathematikerinnen Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson. Alle drei waren maßgeblich an der Luft- und Raumfahrttechnik der USA während der Zeit des Wettlaufs im All beteiligt. Alle drei arbeiteten eng an der Vorbereitung des Raumflugs von Astronaut John Glenn zusammen, der erfolgreich in die Erdumlaufbahn gestartet wurde. Dieser Flug stellte das Vertrauen in das amerikanische Raumfahrtprogramm wieder her. Alle drei waren ursprünglich als Colored Computer von der NACA angeworben. Aufgrund ihres unglaublichen Wissens und ihrer Durchsetzungskraft erreichten sie bald Positionen, die ihnen ihre bemerkenswerten Leistungen möglich machten.

Katherine Johnson – Von der Lehrerin zur Presidential Medial of Freedom

Katharina Jones (1918 bis 2020), eine Farmerstochter, fiel schon sehr früh als mathematisches Talent auf. Schon als Kind hat sie sich mit Zahlen beschäftigt. Schon bevor sie eingeschult werden sollte, konnte sie lesen und startete sofort mit der zweiten Klasse. Auch später übersprang sie noch einmal eine Schulstufe. Mit nur 10 Jahren besuchte sie die Highschool

„Ich habe alles gezählt. Ich habe die Stufen zur Straße gezählt, die Stufen zur Kirche hinauf, die Anzahl des Geschirrs, das ich gespült habe … Alles, was man zählen konnte, habe ich gezählt.“ (Katharina Johnson)

Die Lehrer und der Direktor erkannten die große Begabung Katherine Johnsons und förderten sie. Mit nur vierzehn Jahren bekam sie ein Stipendium und wechselte schließlich auf das West Virginia College. Zu diesem Zeitpunkt interessierte sie sich bereits für Astronomie. Als einzige Schülerin konnte sie den Kurs für Analytische Geometrie besuchen. Bereits mit 18 Jahren schloss sie das Studium mit dem Bachelor of Science mit Auszeichnung ab.

Katherine Johnson - Colored Computer
Quelle: NASA

 

Katherine Johnson wird Teil der Colored Computers

Katherine Johnson arbeitete zunächst als Mathematik- und Französischlehrerin. 1952 erfuhr sie von ihrer Schwester, dass es für afro-amerikanische Mathematikerinnen Stellen am Langley Research Center gab. 1953 begann sie dort beim NACA, als Colored Computer in der West Area Computing Unit. Sie berechnete Daten aus Windkanaltests und wertete Flugschreiber aus. Nach nur zwei Wochen kam sie befristet in die Abteilung für Flugforschung. Bis dahin bestand diese Abteilung nur aus weißen Männern. Anders als die anderen Computer in Röcken stellte sie Fragen und wollte Zusammenhänge verstehen. Sie bestand – als einzige Frau – darauf, an den Briefings teilzunehmen. Wegen ihrer Kenntnisse in analytischen Geometrie „vergaßen“ ihre Kollegen, sie nach Ablauf der Frist, sie wieder in die Computing Unit zurückzugeben.

Berechnungen für den Wettlauf zum Mond

1957 startete der Wettlauf zum Mond zwischen den Sowjets und den US-Amerikanern. Der Sputnik-Schock veränderte das Leben der Mathematikerin, denn die NASA brauchte kluge Köpfe, um den Vorsprung durch die Sowjetunion wieder einzuholen. Ihre Berechnungen waren die Voraussetzung für den erfolgreichen zweiten bemannten Flug in der Geschichte der Raumfahrt durch Alan Shepard im Jahr 1961. Als ein Jahr später der Astronaut John Glenn die Erde umfliegen sollte, berechnete ein IBM-Computer die Umflaufbahn seines Flugs im Rahmen der Mission Mercury-Atlas 6. Er verlangte, dass Katherine Johnson die Flugbahn nachrechnen sollte.

„Lass das Mädchen die Zahlen checken“ (John Glenn)

Ende der 1960er Jahre berechnete Katherine Johnson die Flugbahn der Apollo-11-Mission und trug so maßgeblich zur ersten Mondlandung bei. Für den Fall eines Computerausfalls entwickelte sie ein manuelles Navigationssystem anhand von Fixsternen.

Als Apollo 13 nach einer Explosion notlanden musste, berechnete sie den sicheren Rückflug zur Erde. Katherine Johnson vertraute dabei oft auf ihre Intuition, da vieles Neuland war. Ein Astronaut sagte: „Ich würde Kates Intuition jederzeit trauen.“ Bis zu ihrer Pensionierung 1986 arbeitete sie auch am Space-Shuttle-Programm mit.

2015 überreichte ihr der damalige US-Präsident Barak Obama die höchste zivile Auszeichnung der USA, die Presidential Medial of Freedom. Katherine Johnson war zu dem Zeitpunkt 97 Jahre alt.

Dorothy Vaughan – Von der Wäscherin zur Computerexpertin

Dorthy Vaughan (1910 bis 2008) begann ihre schulische Laufbahn, in dem sie gleich zwei Klassen übersprang – sie konnte schon vor Schulbeginn lesen. Bereits mit 15 Jahren schloss sie die Highschool ab und bekam ein Stipendium für die Wilberforce University in Ohio. Mit 19 Jahren erwarb sie den Bachelor-Abschluss in Mathematik. Ihr Professor empfahl ihr, weiter zu studieren, aufgrund der Wirtschaftskrise begann sie jedoch, als Lehrerin zu arbeiten. Während der Ferien arbeitete sie in einer Wäscherei.

Dorothy Vaughan – eine der ersten Colored Computers

1943 erfuhr Dorothy Vaughan von einem Stellenangebot der NACA und bewarb sich. Die NACA suchte Frauen, die aeronautische Berechnungen anstellen sollten. Dorothy Vaughan gehörte somit zu den ersten schwarzen Angestellten, den Colored Computers, in einer wissenschaftlichen Funktion. Sie wurde Mitglied der West Area Computing Unit des Langley Research Center.  Sie erhielt Unterricht in technischer Physik und praktische Schulungen im Windkanal. 1949 wurde sie zunächst inoffiziell die Leitung dieser Einheit. Erst zwei Jahre später wurde sie offiziell ernannt – und wurde somit die e erste afroamerikanische Führungskraft in der Geschichte der NACA. Im Jahr 1953 stieß Katherine Johnson zu den Colored Computers dazu.

Dorothy Vaughan
Quelle: NASA

 

Schon früh erkannte Dorothy Vaughan die Bedeutung der Computer:  Sie spezialisierte sich auf das Programmieren der neuen Computer und beschäftige sich intensiv mit der Programmiersprache FORTRAN, die sie sich ohne Hilfe im Geheimen beibrachte. Die Unterlagen dafür hatte sie in der „weissen Bibliothek“ heimlich eingesteckt. Dieses Wissen gab sie auch an die anderen Kolleginnen weiter.

In einem Interview erinnerte sich Dorothy Vaughan an die Zeit der Rassentrennung:

„Ich habe geändert, was ich konnte, und was ich nicht konnte, habe ich ertragen.“

Von Scout-Programm zum Apollo-Programm

Bald arbeitete Dorothy Vaughan am SCOUT-Programm (Solid Controlled Orbital Utility Test) mit – einem der erfolgreichsten und zuverlässigsten Trägerraketenprogramme der USA. Es wurde unter anderem eingesetzt, um einen 385 Pfund schweren Satelliten in eine Umlaufbahn in 500 Meilen Höhe zu bringen. Vaughan arbeitete in den 1960er Jahren in der Abteilung Numerical Techniques. Später wurde sie Teil der Analysis and Computation Division (ACD). Außerdem war sie an den ersten bemannten Missionen ins All und dem Apollo-Programm beteiligt.

Mary Jackson – Von der Sekretärin zur

Mary Winston Jackson (1921 bis 2005) wurde in eine christliche Familie geboren, die sich ehrenamtlich sehr engagierte. Auch sie selbst war in einer Schülervereinigung tätig, die sich sozial engagierte. Mit 17 schloss sie die Phenix High School ab und studierte sie am Hampton Institute Mathematik und Physik. 1942 machte sie den Bachelorabschluss. Zunächst arbeitete sie als Lehrerin bevor sie als Sekretärin und Buchhalterin ihr Einkommen hatte. Bald bewarb sie sich als Schreibkraft bei der United States Army und als eine der Colored Computers im Langley Research Center der NACA. 1951 begann sie ihre Arbeit in Dorothy Vaughans West Area Computing Section.

„Ich habe Mathe immer gemocht.“ (Mary Jackson)

Der Kampf ums Studium

1953 wechselte Mary Jackson zur Abteilung Compressibility Research Division der NACA. Hier beschäftigte sie sich mit Messungen im ersten Überschall-Windkanal der NACA. Neben ihrer Arbeit studierte Mary Jackson an der University of Virginia im Fach Luft- und Raumfahrttechnik. Dieses Studium hatte sie sich hart erkämpft, denn die Universität von Virginia ließ nur weisse Student:innen zu. Sie musste vor Gericht um ihr Recht dort zu studieren erkämpfen. Vor Gericht erhielt sie die Erlaubnis und wurde im Jahr 1958 die erste schwarze Ingenieurin der neu gegründeten NASA. Der Hauptschwerpunkt ihrer Forschung lag auf der Aerodynamik.

 

Mary Jackson
Quelle: NASA

 

Forschungen im Windkanal

Mary Jackson  leitete am Langley Research Center aeronautische Tests mit Modellen in einem Windtunnel. Als die Computer immer mehr an Bedeutung gewannen, erlernte auch sie die Programmiersprache FORTRAN. Später wechselte sie in die Personalabteilung der NASA. Hier setzte sie sich unter anderem für die Frauenförderung ein. Aber wie schon ihre Familie engagierte sie sich in ihrer Freizeit für Bildungsprojekte. Sie gründete einen Wissenschafts-Club für schwarze Jugendliche und wirkte am Bau eines kleinen Windtunnels mit, um durch Experimente mit Jugendlichen Interesse an der Luftfahrt zu wecken.

Späte Ehrung der Wissenschaftlerin

Im Juni 2020 benannte die NASA ihr Hauptgebäude in Washington nach der ersten afroamerikanischen Ingenieurin im Dienst der Raumfahrtbehörde, Mary W. Jackson. Das Hauptgebäude liegt am „Hidden Figures Way“.

„Mary hat geholfen, Barrieren zu überwinden und Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern Chancen auf dem Gebiet der Technik und Technologie zu eröffnen.“ (Nasa-Chef Jim Bridenstine)

Am 6. November 2020 wurde der nach Jackson benannte Satellit ÑuSat 17 oder „Mary,“ COSPAR 2020-079J ins All geschossen.

Buch und Film – Hidden Figures

Hidden Figures von Margot Le Shetterly erzählt die Geschichte der drei afroamerikanischen Mathematikerinnen Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson. Dieses Buch dient als Vorlage für den Film Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen (2016) mit Taraji P. Henson, Octavia Spenser, Janelle Monáe und Kevin Costner in den Hauptrollen.

 

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