Rezension: Schwanentage von Zhang Yueran (China)

Unsere Lesereise geht weiter. „Schwanentage“ von Zhang Yueran ist unser Buch für China. Im Zentrum der Geschichte stehen Yung Li, das Kindermädchen, und Kuan Kuan, der kleine Bub, auf den sie sich aufopferungsvoll kümmert. Schwanentage ist bislang der erste Roman von Zhang Yueran, der ins Deutsche übersetzt wurde, erschienen ist das Buch 2025 im Eccoverlag.  

Inhalt — Schwanentage von Zhang Yueran

Schwanentage von Zhang Yueran erzählt die Geschichte des 30-jährigen Kindermädchens Yuan Li in einer elitären chinesischen Familie. Für ein besseres Leben beschließt sie den siebenjährigen Buben Kuan Kuan zu entführen, um Lösegeld zu erpressen. Sie bereitet die Entführung gut vor, indem sie sie wie einen Ausflug aussehen lässt. Am Weg kauft sie für den kleinen Buben, auf dessen Wunsch, eine Gans, die Kuan Kuan fortan für einen Schwan hält. Zur gleichen Zeit wird der Vater des Buben wegen Korruption verhaftet und die Mutter verschwindet spurlos. Als Yuan Li im Auto davon hört, trifft sie eine Entscheidung. 

Kuan Kuan und sein Kindermädchen

Schwanentage wird aus der Sicht des Kindermädchens Yung Li erzählt. Der Leser erfährt viel von ihren Gedanken, Beweggründen und aus ihrem bisherigen Leben, das sie teilweise in Rückblicken erzählt. Sie erzählt auch, über ihre Familie und die Familie Kuan Kuans, der aus einer chinesischen Elitefamilie stammt. Als Kindermädchen kümmert sie sich in erster Linie um Kuan Kuan, ist aber auch gezwungen, Arbeiten im Haushalt zu übernehmen. Sie bleibt aber die einzige Bezugsperson des Buben, die Eltern sind meist abwesend. Die Mutter kümmert sich in erster Linie um ihre im bestenfalls mittelmäßige Kunst. Der Vater ist ein reicher Geschäftsmann. Er möchte seinen Sohn nach westlichem Stil erziehen. Weder zu seiner Mutter, noch zu einem Vater baut Kuan Kuan eine wirkliche Beziehung auf. Zhang Yueran beschreibt die Entwicklung Yung Lis von der einfachen Hausangestellten, die nichts zu sagen hat bis zur selbstbewussten Frau, die immer mehr den Platz der Mutter, der Chefin des Hauses, einnimmt. Aber auch alle Figuren haben eine Tiefe und ihre eigene Persönlichkeit, die für den westlichen Leser teilweise befremdend wirkt.

Die Gans als Leitmotiv

Schwanentage spielt in erster Linie im Haus und im Garten der reichen Eltern von Kuan Kuan. Hierhin zieht sich das Kindermädchen nach dem abgebrochenen Entführungsversuch zurück. Sie tut zunächst so, als wäre nichts geschehen und kümmert sich weiterhin um Kuan Kuan. Ergebnislos versucht sie, die Verwandten des Buben zu erreichen. Zentrale Motive sind Verantwortung und Verantwortungsbewusstsein, aber auch die Liebe des Kindermädchens zu Kuan Kuan, obwohl sie sich dessen selbst gar nicht bewusst ist. Allerdings ist ihr schon von Beginn an wichtig, dass dem Buben während der Entführung nichts passieren darf. 

Das Leitmotiv in Schwanentage ist die Gans, die immer wieder an den unglaublichsten Orten und völlig unerwartet auftaucht. Die Gans, aber auch der Schwan, sind in China ein wichtiges Symbol. Die Gans steht in der chinesischen Kultur für (eheliche) Treue und Loyalität. Der Schwan hingegen steht für Reinheit, Schönheit und Transformationen. Auch der Schwan steht für Treue. Gerade Yung Li beweist ihrem Schützling gegenüber Treue und Loyalität. Auch Transformation zeigt sich an vielen Stellen im Roman von Zhang Yueran beispielsweise im Gespräch zwischen Yung Li und Quin Wen, der Mutter des Buben. Dies zeigt aber auch, dass die Hierarchien immer weiter aufgeweicht werden. 

Kritik an Machtstrukturen und Hierarchien

Zhang Yueran bedient sich einer einfachen und prägnanten Sprache mit einem klaren Stil. Die Erzählform wechselt zwischen einem personalen und einem auktorialen Erzähler. Dialoge bringen die Geschichte weiter voran. Dabei wirken manche Dialoge für den westlichen Leser teilweise etwas befremdend. Alleine, dass Yung Li während der Entführung, ohne ersichtlichen Grund die Gans kauft, weil Kuan Kuan dies wünscht, wirkt seltsam. Aber dennoch entwickelt Zhang Yueran eine feinfühlige Geschichte über die Entwicklung von Yung Li, die an der Verantwortung wächst. Gleichzeitig wirft die Autorin einen kritischen Blick auf die Gesellschaft: So wundert sich Yung Li nicht ein einziges Mal, dass der Vater wegen Korruption verhaftet wurde oder sich die Mutter einfach abgesetzt hat. Sie kritisiert aber auch die Stellung des Kindermädchens, obwohl sie sehr gute Arbeit leistet, bekommt sie keine Anerkennung. Immer wieder werden die Machtstrukturen deutlich. 

Blickt man tiefer in die Geschichte, dann lassen sich viele kleine Details durchdiskutieren. Alleine der Titel bietet Diskussionspotential. Im Original heißt das Buch Schwanenhotel. Kuan Kuan baut im Wohnzimmer ein Hotel, in dem er die Gans unterbringen will. 

Die Autorin Zhang Yueran

Zhang Yueran wurde 1982 in China geboren.- Schon mit 14 Jahren begann sie zu schreiben. Sie zählt zu den prägenden Stimmen der zeitgenössischen chinesischen Literatur. In ihren Romanen und Erzählungen verbindet sie psychologische Tiefe mit poetischer Sprache und gesellschaftlicher Reflexion. Ihre Werke thematisieren familiäre und gesellschaftliche Konflikte, Schuld, Erinnerung und Verantwortung und machen sie international bekannt. 

Ihr Buch Cocoon stand auf der Shortlist für den Warick Prize. 

  •  Titel: Schwanentage
  • Erscheinungsjahr: 2025
  • Autorin: Zhang Yueran
  • Seiten: 224
  • Verlag: Ecco

„Schwanentage“ von Zhang Yueran ist Teil unserer Bücherreise durch die Welt.

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