Das nächste Land, das wir bei unserer Lesereise besuchen, ist Mosambik. Lília Momplé beschreibt in „Neighbours: Story of a Murder“ die Geschichte von drei Familien, deren Schicksal in den Wirren nach der Unabhängigkeitserklärung Mosambiks unausweichlich miteinander verbunden sind.
Inhalt: Neighbours: Story of a Murder von Lília Momplé
In Neighbours: Story of a Murder erzählt Lília Momplé die fiktive Geschichte von drei Familien und drei Männern vor dem realen Hintergrund der Anschläge und Morde nach der Unabhängigkeitserklärung Mosambiks. Die Familien sind mit ganz alltäglichen Familienproblemen und den Vorbereitungen auf das muslimische Fest des Eid beschäftigt, während sich im Hintergrund eine Tragödie anbahnt. Jede Person hat ihre eigene Geschichte und Motivation, die am Ende Opfer und Täter miteinander verbinden. Unaufhörlich steuert die Geschichte auf das unausweichliche Drama zu.
„… Neighbours entstand aus meinem Entsetzen darüber, wie Staaten ungestraft die Souveränität anderer Länder für ihre eigenen Zwecke missbrauchen können. Wie viele Mosambikanerinnen und Mosambikaner habe ich Jahrzehnte erlebt, in denen Südafrika in Mosambik tat, was ihm beliebte, um die Interessen des Apartheidregimes zu schützen. In dieser Zeit wurden viele Mosambikaner getötet oder ihr Leben zerstört. Ihnen widme ich dieses Buch.“ (Lília Momplé)
Kurz erklärt: die Unabhängigkeit Mosambiks
Im Jahr 1497 landeten die Portugiesen im Osten Mosambiks. Eine entscheidende Rolle bei der Kolonialisierung spielte Vasco da Gama. Bald hatten die Portugiesen die Vorherrschaft an der Ostküste. Als Handelswaren dienten Gold, Elfenbein und Sklaven. Die Portugiesen plünderten das Land und der einheimischen Bevölkerung ging es immer schlechter. Dadurch wuchs der Zorn der einheimischen Bevölkerung. Ab 1964 begannen die Einwohner Mosambiks, sich gegen die Vorherrschaft der Portugiesen zu wehren.
„Nur etwa 1 % der Bevölkerung hatte jemals den Status eines „Assimilierten“ – der Zugang zu Bildung, Gesundheit und Eigentum blieb der breiten Bevölkerung verwehrt.“ (Historiker Luís Covane)
FREMILO und RENAMO — die Freiheitsbewegungen
Im Jahr 1962 gründete sich die Freiheitsbewegung FREMILO (Frente da Libertacao de Mocambique). Zwei Jahre nach der Gründung begann der bewaffnete Kampf gegen die Portugiesen. Immer wieder kam es zu Kämpfen mit vielen Toten auf allen Seiten. Allerdings kam es auch zu Konflikten innerhalb der Freiheitsbewegung. Die FREMILO war durch die Ideen des Marxismus beeinflusst. Doch dies gefiel nicht allen und so wurde nach der Unabhängigkeit Mosambiks die RENAMO (Resistência Nacional Moçambicana) 1977 ins Leben gerufen. Was eigentlich als Destabilisierung der aktuellen Regierung beginnen sollte, endete in einem Bürgerkrieg.
Die Unabhängigkeit Mosambiks
Die Portugiesen hielten aber unvermindert an ihrer Kolonie in Afrika fest. Dies führte dazu, dass der Widerstand durch die FREMILO immer weiter wuchs. Lange blieb die FREMILO unterlegen. Die Chance auf die Unabhängigkeit Mosambiks bot sich erst, als in Portugal die Bevölkerung gegen ihren Diktator Marcelo Caetano aufstand (Nelkenrevolution, 25. April 1974). Die neue portugiesische Regierung beschloss, sich aus den ehemaligen Kolonien, unter anderen Mosambik, zurückzuziehen. Am 25. Juni 1975 wurde das Land nach knapp 500 Jahren unabhängig und die Volksrepublik Mosambik ausgerufen.
Der Bürgerkrieg in Mosambik
Nach der Unabhängigkeitserklärung wurde die FREMILO als Regierung eingesetzt. Allerdings waren viele Bürger mit der sozialistischen Ausrichtung nicht einverstanden. So wurden die FREMILO und die RENAMO erbittete Feinde, die sich rund 17 Jahre lange in einem blutigen Bürgerkrieg bekämpfen sollten. Durch Kämpfe und folgende Hungerkatastrophen starben 900.000 Menschen, fünf Millionen Zivilisten wurden vertreiben. Für diesen Krieg wurden auch Kinder als Soldaten eingesetzt. Beide Bürgerkriegsparteien wurden, wie sooft üblich, von anderen Staaten unterstützt:
- FREMILO (gegründet in Tansania): unterstützt durch die damalige DDR, Kuba, die Sowjetunion und den ANC aus Südafrika
- RENAMO (in Rhodesien gegründet): unterstützt durch die Apartheidsregierung Südafrikas, die verhindern wollte, dass sich Kämpfer der oppositionellen African National Congress (ANC) Rückzugsgebiete in Mosambik sichern. Außerdem erhielt sie Unterstützung durch den rhodesischen Geheimdienst und die USA.
Destabilisierung durch Südafrika
In Südafrika herrschte im Rahmen der Apartheid eine strenge Regelung der Trennung zwischen der schwarzen Mehrheit und der weißen Minderheit, die das Sagen in diesem Land hatte. Diese unterdrückte die schwarze Bevölkerung politisch und wirtschaftlich, während die weiße Bevölkerung zahlreiche Privilegien erhielt. Im Gegenzug verließ nach der Unabhängigkeit Mosambiks der Großteil der Portugiesen das Land, da sie sich nicht mehr sicher fühlten. Das Apartheidsregime in Südafrika möchte zeigen, dass ein von Schwarzen regiertes Land nicht in der Lage ist, zu funktionieren. Dies führt dazu, dass das Regime in Südafrika in Mosambik Anschläge und Terror organisiert. Menschen in Mosambik werden ermordet, verstümmelt und traumatisiert, Felder, ganze Ernten und Transportwege zerstört. Tausende Menschen sind auf der Flucht vor den Terroristen aus dem Ausland.
Die Planung des Mords
Die Figuren in Lília Momplés Roman sind fiktiv, könnten aber genauso gut existieren. Da ist zum einen Naguiss mit ihren drei erwachsenen Töchtern. Narguiss ist von großen Sorgen geplagt, ihr Mann verbringt das Fest des Eid lieber bei seiner Geliebten und ihre jüngste Tochter will nicht heiraten, sondern lieber Medizin studieren. In ihrer Nachbarschaft wohnen Leia und Januario mit ihrer zweijährigen Tochter. Die kleine Familie ist endlich glücklich: Sie haben endlich ein kleines Apartment und so viel zum Leben, dass sie durchkommen. Was niemand weiß, in der dritten Familie, bei Dupont und Mena wird ein Mord geplant. Dupont kommt aus einer wohlhabenden Familie. Allerdings wird er von der Familie als Versager gesehen. Auch seine Frau, die aus einer niedrigen Schicht kommt, wird von der Familie abgelehnt. Dupont lässt seinen ganzen Unmut an seiner Frau Mena aus: Er schlägt sie und macht sie nieder.
Heimlich treffen sich bei Dupont die Verschwörer Zalína, ein ehemaliger Polizist, der zunächst rasch aufgestiegen ist und dann wegen Korruption entlassen und verhaftet wurde, Romu und Riu. Während die vier und ein weißer Südafrikaner die Verschwörung planen, muss Mena den Raum verlassen. Alle Verschwörer haben eine unterschiedliche Motivation: Der Kopf der Bande ist ein Bure, der einzige Weiße, aus Südafrika. Er gehört dem Militär an und ist spezialisiert, Operationen zur Destabilisierung Mozambiks zu planen.
Nachbarn kann man sich nicht aussuchen
Der Roman von Lília Momplé umfasst nur in etwa13 Stunden, nämlich den Vorabend des Eid und wenige Stunden in der Früh des kommenden Tags. Allerdings wird in Rückblicken jede Familie und jede Person vorgestellt. Der Leser erfährt, woher sie kommen, welchen Lebensweg sie eingeschlagen haben, welche Ereignisse und Schicksalsschläge sie geprägt haben und warum sie jetzt da sind, wo sie sind. Die Handlung spielt in Maputo ein paar Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung Mosambiks in der Zeit, als die RENAMO versucht, das Land zu destabilisieren.
Neighbours — Nachbarn hat in dieser Geschichte zwei Bedeutungen: Einerseits geht es um die Nachbarschaft eines Wohnviertels, in dem die unterschiedlichsten Menschen leben, oft auch ohne sich zu kennen. Hier haben alle ihre unterschiedlichen Sorgen, Problem und Lebensstandards. Andererseits bezieht sich der Begriff nicht nur auf die unmittelbare Umgebung, sondern auch auf die Nachbarstaaten, die Einfluss auf das Geschehen in Mosambik haben — allen voran Südafrika.
Von Gier zu Rache — die Motive
Lília Momplé ist eine gute Beobachterin, in einem erzählenden Ton schafft sie es, ein Band zwischen den Lesern und den Charakteren in Neigbhours: The Story of a Murder zu knüpfen. Bis zu einem Punkt entwickel der Leser dadurch auch mit den Terroristen ein gewisses Maß an Verständnis und Mitgefühl — auch wenn ihre Taten verwerflich bleiben, sind sie gewissermaßen auch Opfer durch ihre eigene Lebensgeschichte. Die Autorin versteht es, eine lesenswerte und eindringliche Erzählung zwischen den Geschichten der einzelnen Personen und dem politischen Rahmen zu spannen. So erfährt man viel über die Zeit, zu der die Handlung spielt.
Die Terroristen sind getrieben von den unterschiedlichsten Motiven wie Gier, Rache, dem Streben nach Macht und aus reinem Spaß an der Sache. Außerdem zeigt die Autorin den Konflikt zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Arm und Reich, aber auch zwischen verschiedenen politischen Strömungen.
Lília Momplé — eine Stimme Mosambiks
Lília Momplé (geboren 1935 in Mosambik) ist eine der renommiertesten Schriftstellerinnen Mosambiks. Sie wuchs in einer multikulturellen Umgebung auf und studierte Sozialarbeit in Lissabon, Portugal. Später lebte sie unter anderem in London und Brasilien, bevor sie nach Mosambik zurückkehrte und sowohl als Lehrerin als auch als Autorin tätig war.
Momplés literarisches Schaffen erstreckt sich über verschiedene politische und gesellschaftliche Phasen Mosambiks – von der kolonialen Vergangenheit über die Unabhängigkeitszeit bis hinein in das post-koloniale Bewusstsein.
Ihre Texte thematisieren Fragen von Rasse, Klasse, Geschlecht und den Auswirkungen historischer Gewalt auf Individuen und Gemeinschaften. Als Schriftstellerin setzt sie sich dafür ein, die Stimmen der Unterdrückten hörbar zu machen und die Komplexität mosambikanischer Identitäten darzustellen.
Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit engagierte sich Lília Momplé kulturell und politisch: Sie war Generalsekretärin und Präsidentin der Associação dos Escritores Moçambicanos und vertrat ihr Land auf internationalen kulturellen Plattformen, darunter in UNESCO-Gremien
Fazit zu Neighbours: Story of a Murder von Lília Momplé
Neighbours: Story of a Murder ist ein eindringlicher, vielschichtiger Roman, der weit über eine bloße Mordgeschichte hinausgeht. Lília Momplé gelingt es, private Lebenswelten und politische Gewalt unauflöslich miteinander zu verknüpfen. Gerade die Konzentration auf einen engen zeitlichen Rahmen verstärkt die Dramatik: Während das Alltägliche scheinbar ungestört weiterläuft, steuert alles unausweichlich auf die Katastrophe zu. Lília Momplé zeichnet ihre Figuren mit großer psychologischer Genauigkeit und moralischer Ambivalenz. Opfer wie Täter erscheinen als Menschen, deren Biografien, Verletzungen und Entscheidungen sie in diese Situation geführt haben. Dadurch zwingt der Roman zur Auseinandersetzung mit Verantwortung, Schuld und struktureller Gewalt. Besonders überzeugend ist, wie Momplé die politischen Eingriffe des Apartheidregimes in den Alltag einfacher Menschen übersetzt und deren zerstörerische Folgen sichtbar macht. Neighbours ist damit nicht nur literarisch stark, sondern auch historisch aufschlussreich – eine knappe, aber nachhaltige Lektüre, die lange nachwirkt.
Von mir eine absolute Leseempfehlung
Lesereise — Buchreise — Lília Momplé für Mosambik
- Titel: Neighbours — The Story of a Murder
- Autorin: Lília Momplé
- Erschienen: 2001 (englische Ausgabe)
- Seiten: 131
„Neighbours — The Story of a Murder“ von Lília Momplé ist Teil unserer Bücherreise durch die Welt.
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