Rezension: Mein Name ist Estela – Alia Trabucco Zerán (Chile)

Die Lesereise geht weiter — die nächste Autorin, Alia Trabucco Zerán, stammt aus Chile. Ihr Buch „Mein Name Estela“ ist 2024 in Hanser Berlin erschienen. Die Autorin beschreibt die Geschichte des Hausmädchens Estela.

Inhalt — Mein Name ist Estela von Alia Trabucco Zerán

Estela, eine junge Frau, meldet sich auf ein Stelleninserat, in dem eine Haushälterin und Kindermädchen gesucht wird. Aufgrund ihres guten Benehmens und weil Estela lesen kann, wird sie eingestellt. Sie verbringt sieben Jahre bei der reichen Familie in Santiago de Chile. Estela sitzt in einem Verhörraum und erzählt ihre Geschichte, denn das Mädchen, die Tochter der Familie, ist tot. Rückblickend erzählt die 30-Jährige nun ihre Jahre bei der fremden Familie, wo sie sich alleine, ohne Freunde, weit weg von ihrer Familie. Hier hat sie sich um alles gekümmert: vom Haushalt, übers Einkaufen bis hin zur Pflege und Betreuung des Mädchens.

Kurz erklärt: soziale Ungleichheit und die Proteste in Chile

Der Roman „Mein Name ist Estela“ von Alia Trabucco Zerán ist eingebettet in die Massenproteste im Jahr 2019/2020. Im Jahr 1990 endete in Chile die Militärdiktatur von Augusto Pinochet. Er war nach einem Militärputsch 1973 an die Macht gekommen. Es kam in Folge zu Folterungen, politischen Morden und staatlichem Terror. Auch nach dem Ende der Diktatur blieb die von der Militärdiktatur eingerichtete, nicht demokratische Verfassung in vielen Teilen bestehen. Vor allem an der neoliberalen Ausrichtung der Wirtschaft änderte sich nichts.

Soziale Ungerechtigkeit wächst

Anders als in vielen Diktaturen schaffte es die Militärdiktatur eine stabile Wirtschaft zu entwickeln und zu erhalten. Auch nach dem Ende der Herrschaft Pinochets konnte Chile eine gute Wirtschaftslage und ein großes Wirtschaftswachstum verzeichnen. Gleichzeitig jedoch sanken die Ausgaben für Gesundheit, Schulbildung und Wohnbau. Dadurch stieg auch die Zahl der bedürftigen Personen und Familien. Rund 40 Prozent der chilenischen Bevölkerung ist armutsgefährdet.14 Prozent lebt unter der Armutsgrenze. 80 Prozent der 18-jährigen Chilenen sind verschuldet. Große Teile der Bevölkerung sind von Bildung und medizinischer Versorgung ausgeschlossen, da diese überteuert und vor allem selbst zu bezahlen sind. Von der Rentenvorsorge bis hin zur Autobahn – alles ist privatisiert. Zu dieser Zeit ist Chile eines der Länder mit der höchsten sozialen Ungleichheit weltweit.

Unruhen 2019/2020

Anfang Oktober 2019 wurden die Fahrpreise der U-Bahn in der Hauptstadt Chiles, Santiago, erhöht. Zunächst reagierten die Schüler auf die Erhöhung der Preise mit Protest, indem sie schwarz fuhren. Bald schlossen sich Studenten und in Folge Arbeiter und Rentner an. Ab 18. Oktober kam es zu Protesten auf den Straßen Santiagos. Mit Pfannen und Kochtöpfen machten die Protestierenden auf ihre Anliegen aufmerksam: Sie forderten tiefgreifende Veränderungen wie mehr Sicherheit, mehr soziale Rechte und ein verantwortungsvolles Wirtschaftswachstum. Doch bald reichte der Lärm nicht mehr aus. Barrikaden, U-Bahnstationen und Gebäude wurden in Brand gesetzt. Die Proteste dehnten sich bald auf ganz Chile aus. 

Mehr als 1,2 Millionen Menschen nahmen an den Protesten teil. Die Regierung rief den Ausnahmezustand aus. Mehr als 54.000 Menschen wurden verhaftet, mehr als 36.000 Anklagen waren die Folge. Bei den Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei wurden mehr als 4900 Menschen verletzt, mehr als 30 Menschen starben.

Erzählstimme und Perspektive

Der Roman wird aus der Perspektive einer Ich-Erzählerin erzählt: Estela selbst berichtet rückblickend aus einem Verhörraum heraus von den vergangenen sieben Jahren ihres Lebens. Sie spricht den Leser direkt an, stellt rhetorische Fragen, fordert zum Zuhören auf, insistiert beinahe darauf, dass ihre Geschichte gehört wird. Diese unmittelbare Ansprache erzeugt eine beklemmende Nähe und macht den Leser zum stillen Gegenüber eines Verhörs, dessen Ausgang von Beginn an im Raum steht.

Die Erzählung ist retrospektiv angelegt. Sie beginnt mit Estelas Anstellung bei einer wohlhabenden Familie in der Hauptstadt Chiles und führt Schritt für Schritt bis in die Gegenwart der Verhörzelle. Von Anfang an ist klar: Das Kind ist tot. Was offenbleibt, ist die Frage nach dem Wie und dem Warum.

Das Mädchen stirbt.

Hallo? Keine einzige Reaktion?

Ich sage es besser noch einmal, falls Ihnen gerade eine Fliege ins Ohr gesummt hat oder Sie etwas Wichtigeres oder Schrilleres als meine Stimme abgelenkt hat:

Das Mädchen stirbt. Haben Sie das jetzt verstanden? Das Mädchen stirbt, und es bleibt tot, egal wo ich auch anfange.

Figurenkonstellation in „Mein Name ist Estela“

Estela

Estela arbeitet sieben Jahre lang als Nana, Haushälterin und Kindermädchen für dieselbe Familie. Sie stammt aus armen Verhältnissen im Süden Chiles und lebt isoliert im Haus der Reichen. Kontakte außerhalb der Familie hat sie kaum. Nach dem Tod ihrer Mutter verfällt sie in ein Schweigen, das ihre Einsamkeit weiter vertieft. Immer wieder äußert sie den Wunsch zu gehen – zurück in den Süden, hinaus aus diesem Haus –, doch sie bleibt. Jahr um Jahr verzichtet sie auf ein eigenes Leben und ordnet alles dem Dienst an der Familie unter.

Die Familie

Die Arbeitgeber bleiben auffallend namenlos: Señor und Señora, Vertreter eines abwesenden, wohlhabenden Milieus. Selbst gegenüber der eigenen Tochter sind sie emotional kaum präsent. Ein bezeichnendes Detail des Romans ist, dass Namen generell sparsam verwendet werden – ein literarisches Mittel, das Distanz und Entfremdung verstärkt.

Julia, die Tochter der Familie, erscheint als forderndes, verwöhntes Kind, das im Machtgefüge zwischen Eltern und Kindermädchen eine ambivalente Rolle einnimmt – zugleich Objekt der Fürsorge und Teil des Systems, das Estela gefangen hält.

Randfiguren

Carlos, ein loser Bekannter, der an einer Tankstelle arbeitet, ist Estelas einziger sporadischer Kontakt außerhalb des Hauses. Seine Rolle unterstreicht weniger Nähe als vielmehr Estelas soziale Isolation.

Der streunende Hund Yani zieht sich als wiederkehrendes Motiv durch den Roman: heimatlos, auf der Suche nach Wärme und Zuneigung. In ihm spiegelt sich Estelas eigene Existenz – geduldet, abhängig, nie wirklich zugehörig.

Raum und Zeit

Die Handlung spielt überwiegend im Haus der reichen Familie in der chilenischen Hauptstadt. Estelas Herkunft aus dem ländlichen Süden bildet einen stillen Kontrast, der ihre Entwurzelung betont. Der erzählte Zeitraum umfasst sieben Jahre und fällt in eine Phase tiefgreifender gesellschaftlicher Spannungen, die in den Demonstrationen 2019/2020 kulminierten. Dieser politische Kontext bleibt im Roman bewusst im Hintergrund – unausgesprochen, aber dennoch präsent als latente Unruhe.

Konflikte und Motive

Im Zentrum steht der Gegensatz von Reich und Arm, von Macht und Abhängigkeit. Estela lebt in einer strengen Hierarchie, die ihr kaum Handlungsspielraum lässt. Sie ist alleine, ohne Austausch, ohne soziales Netz. Ihre wiederholte Absicht zu gehen, wirkt wie ein leiser Akt des Widerstands, der jedoch stets im Verharren endet.

Ein weiteres zentrales Motiv ist das Schweigen – nach dem Tod der Mutter, innerhalb der Familie, schließlich im institutionellen Raum des Verhörs. Der Roman spielt mit der Erwartung des Lesers: War es Mord? Ein Unfall? Das im Haus vorhandene Rattengift öffnet alternative Deutungen, ohne vorschnelle Antworten zu liefern.

Fazit

Mein Name ist Estela von Alia Trabucco Zerán ist ein eindringlicher, präzise komponierter Roman über soziale Ungleichheit, Unsichtbarkeit und die zerstörerische Kraft stiller Abhängigkeit. Alia Trabuco Zerán verzichtet auf offene Anklagen und entfaltet stattdessen eine leise, aber nachhaltige literarische Wucht. Der Leser weiß von Beginn an um das tragische Ende – und liest dennoch weiter, getrieben von der dringlichen Stimme einer Erzählerin, die nichts mehr besitzt als ihre Geschichte.

Lesereise — Buchreise: Alia Trabucco Zerán für Chile

  • Titel: Mein Name ist Estela
  • Erscheinungsjahr: 2024 (Deutsch)
  • Autorin: Alia Trabucco Zerán
  • Seiten: 240
  • Verlag: Hanser Berlin

„Mein Name ist Estela“ von Alia Trabucco Zerán ist Teil unserer Bücherreise durch die Welt.

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