Unsere Reise für die Read around the World-Challenge geht weiter. Wir landen dieses Mal in Frankreich. Karine Tuil erzählt in ihrem Roman „Diese eine Entscheidung“ die Geschichte der Untersuchungsrichterin Alma Revel, die über das Schicksal eines mutmaßlichen, sehr jungen Terroristen entscheiden muss.
Diese eine Entscheidung von Karine Tuil
Im Mittelpunkt des Romans „Diese eine Entscheidung“ von Karine Tuil steht eine Untersuchungsrichterin, die über die Haftentlassung eines jungen IS Rückkehrers entscheiden muss. Elma Revel macht sich die Entscheidung nicht leicht. Zwischen einer Affäre, dem gesellschaftlichen Druck nach vorangegangenen terroristischen Anschlägen und der Frage nach der richtigen Entscheidung gerät ihr bisheriges Leben zunehmend ins Wanken.
Kurz erklärt: Der IS und die IS-Rückkehrer
Im Jahr 2003 begann der Irak-Krieg, der Dritte Golfkrieg. Die USA, das Vereinigte Königreich und die Koalition der Willigen (rund 54 weitere Staaten) marschierten im Kampf gegen den Terrorismus im Irak ein. Ziel war, Saddam Hussein und sein Regime zu stürzen. Danach sollte eine demokratische Führung im Land eingerichtet werden. Anders als erwartet, löste der Einmarsch im Irak einen Bürgerkrieg aus. Es kam 2004 zwar zu Wahlen, doch die Gegensätze zwischen den beiden Gruppen der Schiiten (Mehrheit) und Sunniten (Minderheit) wuchsen immer weiter.
Entstehung des Islamischen Staats (IS)
Viele der Sunniten hatten unter Saddam Hussein wichtige, politische Funktionen inne und wurden nach der Wahl entlassen. Viele der entlassenen sunnitischen Soldaten und Militärs waren noch bewaffnet und schlossen sich den IS-Milizen an.
Der Islamische Staat entstand bereits Ende der 1990er Jahre. Die Bevölkerung litt unter den jahrelang anhaltenden Embargos, die auch einen Wiederaufbau des Landes nach dem Golfkrieg von 1991 kaum möglich machte.
2006 schlossen sich Al Quaida und weitere Terrorgruppen zum Islamischen Staat (IS) zusammen. Von nun an verbreiteten sie gemeinsam Gewalt und Terror im Irak. Mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien und dem Abzug der US-Truppen aus dem Irak expandierte der IS nach Syrien, außerdem entstanden weitere dschihadistischen Gruppen. Gleichzeitig begann diese Terrororganisation Menschen, sogenannte Foreign Terrorist Fighters aus anderen Ländern zu rekrutieren. Mehr als 40.000 Ausländer kämpften für den IS. Von den deutschen IS-Kämpfern hatten 81 Prozent einen Migrationshintergrund, 2/3 waren bereits vor der Ausreise polizeilich bekannt. Mehr als ein Viertel waren Frauen.
Die IS-Rückkehrer
Viele der IS-Rückkehrenden sind traumatisiert und desillusioniert. Allerdings, und das birgt eine große Gefahr, vertreten einige immer noch die Ideologie des IS. Sie könnten für Anschläge in Europa rekrutiert worden sein.
In Frankreich werden rückkehrende Erwachsene bei ihrer Ankunft festgenommen, strafrechtlich verfolgt und inhaftiert. Sie können auch unter Hausarrest gestellt werden und werden streng überwacht. Die Herausforderung für die französische Justiz und die Sicherheitsbehörden ist die potenzielle Terrorgefahr, die von den IS-Rückkehrern ausgeht.
Anschläge in Paris 2015
2015 kam es in Paris zu mehreren tödlichen islamistischen Terroranschlägen. Am 7. Jänner stürmten islamistische Attentäter die Redaktion der Satirezeitung Charlie Hebdo in Paris und tötete 12 Menschen. Auslöser für den Anschlag war eine Mohammed-Karikatur der Zeitung. Die Terrorgruppe Al-Quaida bekannte sich zu dem Attentat. Ein weiterer Islamist tötete einen Polizisten und vier Geiseln in einem jüdischen Supermarkt.
Am 13. Jänner verübte der IS fünf gut koordinierte Anschläge. 120 Menschen wurden getötet und 683 teils schwer verletzt. Diese Attentate betrafen das Stade de France, drei Bars bzw. Restaurants und das Bataclan Theater während eines Auftritts einer Rockband. Neun der Attentäter waren vorher in Syrien oder im Irak. Auf Videos sind einige von ihnen zu sehen, wie sie Geiseln enthaupten bzw. erschießen.
Vor diesem Hintergrund spielt das Buch „Diese eine Entscheidung“ von Karine Tuil.
Diese eine Entscheidung – Der Preis des Urteils
Diese eine Entscheidung von Karine Tuil erzählt die Geschichte der Untersuchungsrichterin Alma Revel. Sie muss darüber entscheiden, ob der sehr junge IS-Rückkehrer Abdeljalil Kacem in Haft bleiben oder freikommen soll. Ein Jahr lang hatte er in Syrien beim IS gelebt. Alma Revel steht unter Druck nach Anschlägen in Paris: Eine falsche Entscheidung könnte fatal sein. Ihre Ehe zerbröckelt und sie lässt sich auf eine unkluge Affäre, ausgerechnet mit dem Anwalt Kacems, ein.
Bei Diese eine Entscheidung ist der Leser sofort mitten drin in der Geschichte. Alma Revel schaut sich das Video eines Anschlags an. Blick zurück: drei Monate vorher. Die Handlung wird aus der Sicht der Untersuchungsrichterin erzählt. Karine Tuil erzählt in einer klaren, kontrollierten und bewusst sachlichen Sprache über die vergangenen Monate. Der Ton ist nüchtern und protokollartig, unterstrichen durch Abschnitte der Befragung des IS-Rückkehrers.
Karine Tuil platziert ihren Roman gekonnt in ein hochbrisantes Spannungsfeld: die Verantwortung der Justiz im Angesicht terroristischer Bedrohung und die Frage, wie sehr persönliche Verstrickungen professionelles Handeln beeinflussen. Die Stärke des Romans liegt in seiner Aktualität und in der präzisen Darstellung der verschiedenen Ebenen der Handlung: berufliche Pflicht, persönliche Beziehungen und moralischer Druck. Alma Revel muss sich entscheiden: private und öffentliche Sicherheit oder die Freiheit für einen jungen Mann mit Frau und Kind.
Der Roman von Karine Tuil lebt dabei weniger von äußerer Action als von innerer Spannung, von Zweifeln, von Verantwortung und der ständigen Unsicherheit, ob Revels Entscheidung richtig war oder fatale Konsequenzen haben wird.
Allerdings zeigt sich im Roman von Karine Tuil auch eine gewisse Überkonstruktion. Die Verknüpfung der beruflichen Herausforderung ihre Affäre, der brüchigen Ehe, das Einbinden der drei großen Religionen Islam, Juden- und Christentum wirkt zu konstruiert. Die Konflikte sind teilweise deutlich arrangiert und wirken überflüssig. Weniger wäre hier mehr gewesen. Als Leser glaubt man auch so die schwierige Entscheidung vor der Alma Revel steht.
Trotzdem überzeugt Diese eine Entscheidung von Karine Tuil durch seine Relevanz und seine Glaubwürdigkeit in Bezug auf die Schwierigkeit diese Entscheidung zu treffen. Die Geschichte des Rückkehrers könnte sich überall so zutragen. Der Roman zwingt den Leser dazu, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen: Wie frei ist eine Entscheidung wirklich? Wie sicher kann man sich sein? Wie groß ist die Gefahr durch eine falsche Entscheidung?
Diese eine Entscheidung ist ein kluger Roman über Verantwortung, Zweifel und die Unmöglichkeit, die Folgend des eigenen Handelns zu kontrollieren. Ein Buch, das aktuelle Fragen stellt und gerade deswegen zur Diskussion einlädt.
Karine Tuil – Gesellschaftliche Konflikte und moralische Grenzfragen
Karine Tuil wurde in 1972 in Paris geboren. Ihre Eltern waren tunesische Juden. Ihre Romane beschäftigen sich häufig mit Machtstrukturen, Identität und moralischen Konflikten der Gegenwart. Nach dem Abitur studierte sie Rechtswissenschaft in Paris und spezialisierte sich auf Kommunikationsrecht. Während sie eine Dissertation über Wahlkampagnen in den Medien vorbereitete, begann sie parallel literarisch zu schreiben; schließlich gab sie ihre juristische Laufbahn auf, um sich ganz der Literatur zu widmen. Ihr Debütroman Pour le pire erschien 2000 und machte sie in der französischen Literaturszene bekannt.
Karine Tuils Werke zeichnen sich durch eine starke gesellschaftliche Beobachtung aus. Sie untersucht häufig die Diskrepanz zwischen öffentlicher Fassade und privatem Leben von Figuren aus Politik, Medien oder Wirtschaft. Dabei greift sie aktuelle Konflikte wie Machtmissbrauch, Antisemitismus, Migration, Geschlechterrollen oder die Dynamik patriarchaler Strukturen auf.
Charakteristisch für ihre Romane ist ein nüchterner, gesellschaftsanalytischer Blick auf die Gegenwart. Ihre Figuren geraten häufig in Situationen, in denen persönliche Interessen, moralische Verantwortung und gesellschaftliche Erwartungen miteinander kollidieren. Dabei stellt Tuil Fragen nach Schuld, Wahrheit und sozialer Stellung. Besonders eindrücklich zeigt sich dies in dem vielfach ausgezeichneten Roman Les Choses humaines (2019), der einen Vergewaltigungsprozess sowie die daraus entstehenden medialen und gesellschaftlichen Debatten in den Mittelpunkt stellt. Menschliche Dinge wurde 2021 verfilmt.
Mit inzwischen mehr als zehn Romanen gilt Karine Tuil als eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen französischen Literatur, deren Texte gesellschaftliche Tabus und Machtverhältnisse kritisch reflektieren.
Lesereise — Buchreise: Karine Tuil für Frankreich
- Titel: Diese eine Entscheidung
- Erscheinungsjahr: 2022 (dt.)
- Autorin: Karine Tuil
- Seiten: 352
- Verlag: dtv
„Diese eine Entscheidung“ von Karine Tuil ist Teil unserer Bücherreise durch die Welt.
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