Wieder haben wir ein Land bereist. Nun geht es weiter nach Südkorea. Han Kang erzählt in „Die Vegetarierin“ die Geschichte einer unauffälligen Hausfrau, die von heute auf morgen kein Fleisch mehr isst – und damit ihr Umfeld vor den Kopf stößt.
Inhalt – Die Vegetarierin von Han Kang
Es beginnt mit einem Traum. Yong-hye, eine unauffällige Hausfrau im Seoul der Gegenwart, wacht mitten in der Nacht auf, geht in die Küche und räumt den Kühlschrank leer. Schweinebauch, Rinderfilet, Tintenfisch – alles wandert in den Müll. Von diesem Moment an isst sie kein Fleisch mehr. Kein Drama, keine Erklärung. Nur diese stille, unerschütterliche Entscheidung.
Drei Perspektiven, eine Wahrheit
Der Roman von Han Kang ist in drei Abschnitte unterteilt, die jeweils aus der Perspektive einer anderen Figur erzählt werden – nicht jedoch aus der von Yong-hye selbst. Zunächst beschreibt ihr Ehemann Mr. Cheong ihre Entscheidung als persönliche Zumutung; seine Darstellung wirkt distanziert, abwertend und unterschwellig grausam. Im zweiten Teil richtet sich der Blick auf ihren Schwager, einen Videokünstler, der Yong-hyes Körper für seine eigenen künstlerischen Vorstellungen instrumentalisiert. Im dritten Abschnitt steht schließlich ihre Schwester In-hye im Mittelpunkt, die das Geschehen durch ihre eigene Krise reflektiert.
Der erzählerische Ansatz ist konsequent umgesetzt: Yong-hye selbst erhält keine eigene Stimme.
Verweigerung als Form von Widerstand
Zunächst wirkt Yong-hyes Vegetarismus wie eine einfache Ablehnung. Doch Han Kang entwickelt daraus eine vielschichtige Erzählung über weibliche Selbstbestimmung in einer patriarchal geprägten Gesellschaft. Der eigene Körper wird zum letzten Bereich, über den Yong-hye verfügt – und genau dieser Anspruch ruft ihr Umfeld auf den Plan: Ehemann, Schwiegervater, Arzt und Schwager versuchen, sie zu kontrollieren und zur Anpassung zu bewegen. Keiner von ihnen hat Erfolg.
Aus einer leisen, persönlichen Entscheidung entwickelt sich Schritt für Schritt etwas Radikaleres: Yong-hye entzieht sich zunehmend – sie stellt das Essen ein, verstummt und entfernt sich immer weiter von der menschlichen Existenz, bis hin zu dem Wunsch, selbst Teil der Pflanzenwelt zu werden.
Sprache wie ein Skalpell
Die Sprache von Han Kang ist alles andere als laut. Sie wirkt reduziert, nüchtern, beinahe klinisch, und genau daraus entsteht ihre verstörende Kraft. Die Sätze entfalten ihre Wirkung nicht durch Wucht, sondern durch Zurückhaltung und Stille. Ki-Hyang Lee hat diese besondere Tonlage in der deutschen Übersetzung sensibel aufgegriffen: Der Text lässt Raum, arbeitet mit Auslassungen und vertraut auf das Ungesagte.
Literarische Parallelen liegen nahe: Häufig wird Die Verwandlung von Franz Kafka herangezogen. Tatsächlich verbindet beide Werke das Motiv der körperlichen Transformation als Spiegel von Fremdheit und gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Verstörend aber auch unverständlich
Die Vegetarierin von Han Kang ist verstörend. Es gibt keine Auflösung, keine Erlösung und auch keinen tröstlichen Abschluss. Es gibt keine Antwort auf das Warum? Warum will Yong-hyes eine Pflanze werden? Wer klare Antworten sucht, wird frustriert sein.
Han Kang fragt darin, was mit einem Menschen geschieht, der sich weigert, so zu sein, wie die Gesellschaft es von ihm verlangt. Gleichzeitig ist es nicht möglich, sich mit Yong-hye zu identifizieren.
Radikale Selbstverweigerung und die Sprache des Körpers
In Die Vegetarierin von Han Kang wird der Körper zum letzten Raum, über den Yong-hye noch verfügen kann. Ihr Verzicht auf Fleisch, und schließlich auf jegliche Nahrung, ist keine bloße Ernährungsentscheidung, sondern ein stiller Akt der Selbstbestimmung gegenüber den Erwartungen ihres Umfelds. Gerade diese Verweigerung macht sichtbar, wie stark ihr Körper von außen beansprucht wird: Ehemann, Schwiegervater und Arzt versuchen, sie zur Anpassung zu zwingen und damit gesellschaftliche Normen durchzusetzen.
Dabei rückt Han Kang die verschiedenen Formen von Gewalt in den Mittelpunkt, nicht nur die offensichtliche, physische, sondern auch die subtilere, die in familiären Strukturen, Institutionen und gesellschaftlichen Erwartungen wirksam ist. Essen wird in diesem Zusammenhang zum Machtinstrument: Wer darüber bestimmt, wird zur zentralen Frage, die eng mit Schuld, Kontrolle und Unterwerfung verknüpft ist.
Yong-hyes Entwicklung führt schließlich in eine radikale Richtung: Ihr Wunsch, eine Pflanze zu werden, steht für den Versuch, sich dem Menschsein selbst zu entziehen, und damit auch den Zwängen, die damit einhergehen. Dass sie dabei nie selbst zu Wort kommt, verstärkt die Wirkung zusätzlich. Ihr Schweigen wird zur eigentlichen Sprache des Romans und zeigt, wie viel Bedeutung im Ungesagten liegt.
Han Kang: Nobelpreisträgerin, Gewalt und Auflehnung
Han Kang wurde im November 1970 in Gwangju, Südkorea, geboren. Sie studierte Koreanische Literatur an der Yonsei Universität in Seoul. Ihre literarische Karriere begann 1993 mit der Veröffentlichung von Gedichten in der Zeitschrift Literatur und Gesellschaft. Ein Jahr später gewann sie für ihre Kurzgeschichte „Rotes Segel“ erstmals einen Literaturpreis. International durchbrach sie mit Die Vegetarierin (2007) alle Grenzen: 2016 erhielt sie gemeinsam mit ihrer Übersetzerin Deborah Smith den mit 50.000 Pfund Sterling dotierten Man Booker International Prize. Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin lehrt Han Kang kreatives Schreiben am Kulturinstitut Seoul.
2024 krönte sie die Schwedische Akademie mit dem Nobelpreis für Literatur – als erste Südkoreanerin überhaupt – und zeichnete sie aus „für ihre intensive poetische Prosa, die sich historischen Traumata stellt und die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens offenlegt“.
Lesereise — Buchreise: Han Kang für Südkorea
- Titel: Die Vegetarierin
- Erscheinungsjahr: 2016 (Deutsch)
- Autorin: Han Kang
- Seiten: 190
- Verlag: Aufbau Verlag
„Die Vegetarierin“ von Han Kang ist Teil unserer Bücherreise durch die Welt.
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