Unsere Lesereise führt uns nun wieder nach Asien, diesmal nach Vietnam. Kim Thúy schreibt in ihrem autobiografischen Roman, Der Geschmack der Sehnsucht, über ihr Leben in Kanada. Das Buch erschien 2014 bei Kunstmann.
Inhalt „Der Geschmack der Sehnsucht“ von Kim Thúy
In ihrem autobiografischen Roman „Der Geschmack der Sehnsucht“ erzählt Kim Thúy die Geschichte der Viatnamesin Mãn. Als junges Mädchen verlässt sie zum Ende des Vietnamkriegs ihre Heimat. Hier lebt sie in einer arrangierten Ehe mit einem Mann, der nach Kanada ausgewandert ist. In Kanada beginnt ihr neues Leben mit der Arbeit in der Suppenküche ihres Mannes. Als ihr Mann krank ist, beginnt Mãn mehr aus der Suppenküche zu machen. Bald bezaubert sie mit ihrer Kochkunst vor allem — aber nicht nur — Exilvietnamesen. Diese bringen immer mehr Freunde mit und so lernt die junge Frau neue Menschen kennen, die ihr eine ganz neue Welt zeigen
Nur ein einziges Gericht pro Tag, nur eine einzige Erinnerung, denn es kostete mich große Anstrengung, die Gefühle nicht über den Tellerrand schwappen zu lassen.
Kurz erklärt: Vietnamkrieg und seine Folgen
Der Vietnamkrieg war ein lang andauernder und komplexer Konflikt, der seine historischen Wurzeln im französischen Kolonialismus des 19. Jahrhunderts hatte. Frankreich hatte Vietnam als Teil von Französisch-Indochina kontrolliert, wurde jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend mit nationalistischen Unabhängigkeitsbewegungen konfrontiert. Am 2. September 1945 rief der Revolutionär Ho Chi Minh die Demokratische Republik Vietnam aus. Frankreich versuchte in der Folge, die Kolonialherrschaft wiederherzustellen, scheiterte jedoch 1954 entscheidend in der Schlacht von Dien Bien Phu.
Die Teilung Vietnams
Die Genfer Abkommen von 1954 beendeten den Indochinakrieg und teilten Vietnam vorübergehend entlang des 17. Breitengrades in einen kommunistischen Norden mit der Hauptstadt Hanoi und einen antikommunistischen Süden mit dem Regierungssitz Saigon. Vorgesehen waren gesamtvietnamesische Wahlen zur Wiedervereinigung, die jedoch nie stattfanden. Die Weigerung der USA und der südvietnamesischen Regierung, diese Wahlen abzuhalten, verschärfte die politischen Spannungen erheblich.
Ab Ende der 1950er-Jahre entwickelte sich daraus ein bewaffneter Konflikt zwischen dem Norden und der von den USA unterstützten Regierung im Süden. Die Vereinigten Staaten griffen massiv militärisch ein, um eine Ausbreitung des Kommunismus in Südostasien zu verhindern. Auf der Gegenseite unterstützten China und die Sowjetunion den kommunistischen Norden.
Der Krieg eskalierte in den 1960er-Jahren zu einem großflächigen und äußerst verlustreichen Konflikt mit Millionen Toten, enormen Zerstörungen und schweren Kriegsverbrechen. Trotz militärischer Überlegenheit gelang es den USA nicht, den Krieg zu gewinnen. 1973 zogen sich die US-Truppen zurück, 1975 fiel Saigon, und Vietnam wurde 1976 unter kommunistischer Führung wiedervereinigt.
Die Rolle Kanadas im Vietnamkrieg
Kanada präsentierte sich nach außen als neutraler Vermittler im Friedensprozess, unterstützte jedoch im Verborgenen die militärischen Aktivitäten der Vereinigten Staaten in Vietnam. Parallel dazu leistete das Land medizinische Hilfe und technische Unterstützung. Kanadische Vertreter waren für den US-Geheimdienst CIA nachrichtendienstlich tätig und halfen bei der geheimen Verbringung amerikanischer Waffen und Truppen nach Südvietnam; zugleich lieferten sie Zielinformationen für amerikanische Bombardements in Nordvietnam. Darüber hinaus schützten kanadische Kommissare das US-amerikanische Programm zum Einsatz chemischer Entlaubungsmittel vor öffentlicher Überprüfung, übermittelten Drohungen einer militärischen Eskalation an Hanoi und erstellten Berichte, die sowohl die Aufkündigung der Genfer Abkommen als auch den amerikanischen Luftkrieg gegen Nordvietnam rechtfertigten.
Boatpeople — die Flucht übers Meer
Das Ende des Krieges löste eine massive Flüchtlingsbewegung aus Südvietnam aus. Kanada nahm in den Jahren 1975 und 1976 mehr als 5.600 Vietnamesinnen und Vietnamesen auf – überwiegend Menschen, die bereits Verwandte in Kanada hatten. Ab 1979 gewährte Kanada zudem rund 60.000 Flüchtlingen aus einer zweiten Migrationswelle Aufnahme, den sogenannten „Boat People“, die über gefährliche Seewege nach Hongkong und in andere Regionen geflohen waren.
Erinnerungssplitter statt linearer Handlung
Der Geschmack der Sehnsucht entfaltet sich nicht als klassische, chronologisch erzählte Lebensgeschichte, sondern als Folge von Erinnerungssplittern. In kurzen, thematisch fokussierten Kapiteln erzählt die Ich-Erzählerin Mãn rückblickend aus ihrem Leben. Jedes Kapitel trägt den Titel eines vietnamesischen Wortes und umfasst nur wenige Seiten – wie kleine Gedächtnisräume, die Kindheit, Jugend, Migration, Arbeit, Freundschaft und Liebe beleuchten.
Diese fragmentarische Struktur entspricht dem Wesen der Erinnerung selbst: episodisch, assoziativ, verdichtet. Die Erzählung schreitet nicht voran, sondern kreist um Herkunft, Verlust, Anpassung und um das leise Weiterleben in der Fremde.
Die Figur Mãn: Unauffälligkeit als Haltung
Mãn ist eine Erzählerin, die nie klagt. Sie nimmt das Leben an, wie es sich ihr zeigt, geprägt von einer vietnamesischen Kultur, in der Zurückhaltung, Pflichterfüllung und das Unterordnen der eigenen Bedürfnisse selbstverständlich sind. Eigene Gefühle erscheinen in ihrer Erzählung zweitrangig, beinahe nebensächlich.
Auch ihre Ehe mit einem deutlich älteren Mann wird nicht problematisiert. Der Ehemann bleibt namenlos, meist abwesend und spielt für Mãns persönliche Entwicklung keine zentrale Rolle. Gerade diese emotionale Zurücknahme macht die Figur so konsequent gezeichnet: Mãn stört sich nicht – und darin liegt sowohl ihre Stärke als auch ihre Begrenzung.
Kochen und Selbstverwirklichung
Aus einer bescheidenen Suppenküche entwickelt Mãn mit Beharrlichkeit und Hingabe ein gut besuchtes Restaurant. Hier bündelt sich ihre ganze Zuneigung zur Welt: in den Gewürzen der Heimat, in den innerhalb der Familie überlieferten Rezepten, in der sorgfältigen Zubereitung.
Essen wird zum zentralen Träger von Erinnerung und Identität. Für die vietnamesische Exilgemeinschaft wecken die Speisen Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, nach Gerüchen, Geschmäckern und Ritualen, die anderswo keinen Platz haben. Mãn selbst artikuliert diese Sehnsucht nicht – sie kocht sie.
Frauenfiguren und Beziehungen
Zu den wichtigsten Figuren gehört Mãns Mutter, Mama, deren Lebensgeschichte – ebenso wie die von Mãns Ehemann – in die Erzählung eingeflochten wird. Von ihr lernt Mãn nicht nur Rezepte, sondern auch eine Form stiller Resilienz.
Eine zentrale Rolle spielt zudem Julie, eine kanadische Architektin und Mãns engste Freundin. Julie erkennt Möglichkeiten, wo Mãn selbst keine sieht, und ermutigt sie, ihr Talent ernst zu nehmen. In dieser Freundschaft öffnet sich ein neues Kanada – weniger fremd, weniger distanziert.
Dank Julie habe ich gelernt, dass Glück sich von selbst vermehrt, teilt und an jeden von uns anpasst.
Mit Luc, den Mãn in Paris kennenlernt, erfährt sie schließlich eine andere Dimension von Nähe: Liebe, die nicht nur Wärme, sondern auch Schmerz mit sich bringt. Auch hier bleibt die Darstellung zurückhaltend, beinahe nüchtern – und gerade darin besonders eindringlich.
Heimat, Fremde und Identität
Der Roman kreist um den Spagat zwischen Herkunft und Ankunft, zwischen Erinnerung und Gegenwart. Heimat erscheint weniger als Ort denn als sinnliche Erfahrung: Geschmack, Geruch, Berührung. Kultur und Identität sind nichts Abstraktes, sondern eingeschrieben in alltägliche Handlungen – vor allem ins Kochen.
Sprache und Stil
Kim Thúy erzählt in einer konkreten, detailreichen und hoch reflektierten Sprache. Die Prosa ist dicht, anschaulich und stark sinnlich geprägt: Geschmäcker, Gerüche und Texturen werden ebenso präsent wie emotionale Zustände, die selten benannt, dafür präzise erfahrbar gemacht werden.
Der Ton bleibt durchgehend positiv, unaufgeregt, niemals bitter oder frustriert. Die emotionale Tiefe entsteht nicht durch dramatische Zuspitzung, sondern durch Zurückhaltung und Präzision – eine Erinnerungspoetik, die leise wirkt und lange nachhallt.
Fazit
Der Geschmack der Sehnsucht ist ein stiller, eindringlicher Roman über Erinnerung, Migration und die Frage, wie Identität in der Fremde weiterlebt. Kim Thúy gelingt es, mit wenigen Worten große innere Räume zu öffnen. Die Geschichte von Mãn zeigt, dass Selbstverwirklichung nicht immer laut, rebellisch oder explizit sein muss – manchmal geschieht sie in der Beharrlichkeit, im Kochen, im Weitergehen.
Kim Thúy – eine Stimme für Kanada und Vietnam
Kim Thúy wurde 1968 in Saigon geboren und gehört zu den wichtigsten Stimmen der frankokanadischen Gegenwartsliteratur. Nach dem Fall von Saigon floh sie als Kind mit ihrer Familie aus Vietnam und kam als sogenannte Boat People zunächst in ein malaysisches Flüchtlingslager, später nach Kanada. Diese Erfahrung von Verlust, Migration und Neubeginn prägt ihr literarisches Werk grundlegend.
Bevor Kim Thúy Schriftstellerin wurde, führte sie ein bemerkenswert vielfältiges Leben: Sie studierte Jura und Linguistik, arbeitete als Anwältin und Dolmetscherin, betrieb zeitweise ein vietnamesisches Restaurant und engagierte sich politisch. Erst vergleichsweise spät wandte sie sich dem literarischen Schreiben zu – mit großem Erfolg. Ihr Debütroman Ru wurde international gefeiert, vielfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Kennzeichnend für Kim Thúys Literatur ist eine fragmentarische Erzählweise in kurzen, verdichteten Kapiteln. Ihre Texte verbinden autobiografische Elemente mit poetischer Präzision und einer sinnlichen Sprache, in der Erinnerungen, Gerüche, Geschmäcker und kulturelle Rituale eine zentrale Rolle spielen. Dabei verzichtet sie konsequent auf Pathos oder Anklage. Stattdessen erzählt sie leise, reflektiert und mit großer Empathie.
Kim Thúys Werk kreist um Fragen von Identität, kultureller Zugehörigkeit und der Möglichkeit, Heimat im Erzählen selbst neu zu schaffen.
Lesereise — Buchreise: Kim Thúy für Vietnam
- Titel: Der Geschmack der Sehnsucht
- Erscheinungsjahr: 2014
- Autorin: Kim Thúy
- Seiten: 144
- Verlag: A. Kunstmann
„Der Geschmack der Sehnsucht“ von Kim Thúy ist Teil unserer Bücherreise durch die Welt.
Read the World Challenge – Bookshelf Travel
Auf Instagram: bookshelf travel
Weitere Rezensionen
