Rezension: Arundhati Roy – Der Gott der kleinen Dinge (Indien)

Unsere „Read around the World Challenge“ hält nun in Indien. Der Gott der kleinen Dinge von Arundhati Roy erzählt die Geschichte einer Großfamilie, einem Todesfall und einer verbotenen Liebe in Kerala im Südwesten Indien.

Inhalt „Der Gott der kleinen Dinge“ von Arundhati Roy

Nach dem Tod ihrer Cousine Sophie Mol gerät die Welt der 7-jährigen Zwillinge Rahel und Estha aus den Fugen. Künftig muss Estha bei seinem Vater in Kalkutta leben. Rahel bleibt bei der Großfamilie in Ayemenem in Kerala, wo sie aber meist sich selbst überlassen wird. Viele Jahre später treffen die beiden Zwillinge wieder aufeinander. Doch nichts ist mehr wie früher: Die Konservenfabrik der Familie ist verfallen, die geliebte Mutter ist inzwischen tot, Rahel lebte in Amerika, ist nun wieder zurück und Estha spricht kein Wort mehr.

Kurz erklärt: Kastensystem und Heiratsgesetze

Das Kastensystem in Indien zieht sich durch alle Bereiche der indischen Gesellschaft. Auch wenn mit der indischen Verfassung von 1950 die Diskriminierung aufgrund der Kaste offiziell verboten ist, wirkt das Kastensystem bis heute fort. Besonders in ländlichen Regionen ist das Kastensystem bis heute bei weitem nicht überwunden. 

Das Kastensystem in Indien

Das Kastensystem in Indien ist eine historisch gewachsene soziale Ordnung, die Menschen in hierarchische Gruppen einteilt. Seine Wurzeln reichen bis in die vedische Zeit (ca. 1500 v. Chr.) zurück. Traditionell unterscheidet man vier Hauptkasten (Varna): Brahmanen (Priester), Kshatriyas (Krieger), Vaishyas (Händler) und Shudras (Arbeiter). Außerhalb dieses Systems stehen die sogenannten „Dalits“ (früher „Unberührbare“), die besonders stark diskriminiert wurden.

Das Kastensystem bestimmte über Jahrhunderte hinweg Beruf, soziale Kontakte und Heiratsmöglichkeiten. Obwohl es religiös begründet wurde, ist es eng mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen verknüpft. 

Das Kastensystem wirkt sich auch auf Heiratsgesetze aus

In Indien existieren keine gesetzlichen Vorschriften mehr, die Ehen zwischen verschiedenen Kasten verbieten. Die indische Verfassung garantiert Gleichheit und verbietet Diskriminierung aufgrund von Kaste, Religion oder Geschlecht. Wichtige Gesetze wie der Hindu Marriage Act von 1955 erlauben ausdrücklich Eheschließungen unabhängig von der Kastenzugehörigkeit. 

Trotz dieser rechtlichen Gleichstellung spielen soziale Normen weiterhin eine große Rolle. In vielen Familien, insbesondere in ländlichen Regionen, werden Ehen bevorzugt innerhalb der eigenen Kaste bevorzugt. Interkastenehen stoßen häufig auf Ablehnung und können zu sozialem Druck, Ausgrenzung oder in extremen Fällen sogar zu Gewalt führen („Ehrenverbrechen“).

Syrisch-christliche Gemeinschaft in Kerala

Die sogenannten Thomaschristen (auch syrisch-christliche Gemeinschaft) in Kerala gehören zu den ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt. Im Kastensystem nahmen die Thomaschristen traditionell eine besondere Stellung ein. Obwohl das Christentum Gleichheit predigt, übernahmen sie teilweise lokale soziale Strukturen. Viele betrachteten sich historisch als einer höheren sozialen Schicht zugehörig, beispielsweise zu den Kriegern oder Händlern. Diese Selbstzuordnung beruhte auf sozialem Status, Landbesitz und Bildung. Die Thomaschristen gelten insgesamt als einflussreiche und gut etablierte Gruppe in Wirtschaft, Bildung und Politik Keralas.

Aus Fragmenten wird eine Geschichte

Der Gott der kleinen Dinge von Arundhati Roy ist ein Roman von sprachlicher Eigenwilligkeit, es ist eine Geschichte, die einen hineinzieht und gleichzeitig jede Seite zur Qual macht. Wer eine nette lineare Handlung erwartet, wird enttäuscht werden. Der Roman entfaltet seine Geschichte in Fragmenten, Rückblenden und sprachlichen Verschiebungen. Vom Leser wird Geduld gefordert und gleichzeitig schafft Arundhati Roy eine dichte, eindringliche Atmosphäre. 

Im Zentrum von „Der Gott der kleinen Dinge“ von Arundhati Roy steht eine tragische Familiengeschichte, untrennbar verbunden mit den Realitäten des indischen Kastensystems. Der Autorin gelingt es, persönliche Schicksale und gesellschaftliche Strukturen präzise miteinander zu verknüpfen – mit moralischer Schärfe und erzählerischer Konsequenz.

Besonders fällt die Sprache auf: Sie ist bildhaft und einfallsreich, zugleich aber bewusst gebrochen und experimentell angelegt. Roy spielt mit Rhythmus, Klang und Struktur, wodurch ein eigener, unverwechselbarer Ton entsteht. Diese Ausdrucksweise entfaltet stellenweise große Wirkung, kann jedoch auch überladen wirken und den Lesefluss erschweren. 

Charakteristisch ist zudem der Aufbau: Die Handlung wird in Bruchstücken präsentiert, scheinbar lose und zeitlich verschoben. Entscheidende Ereignisse werden früh angedeutet, aber konsequent hinausgezögert. Erst gegen Ende fügt sich das Mosaik zusammen und offenbart das eigentliche Ausmaß der Tragödie. Diese Struktur erzeugt Spannung, verlangt jedoch hohe Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Unklarheiten lange auszuhalten.

So entsteht ein Roman, der weder gefällig noch leicht zugänglich ist, sondern fordert und irritiert. 

Arundhati Roy – Schriftstellerin und politische Aktivistin

Arundhati Roy (*1961) ist eine indische Schriftstellerin, Essayistin und politische Aktivistin. Internationale Bekanntheit erlangte sie mit ihrem Debütroman „Der Gott der kleinen Dinge“ (1997), für den sie den Booker Prize erhielt. Roy wuchs im südindischen Bundesstaat Kerala auf, dessen gesellschaftliche und kulturelle Strukturen ihr Werk stark prägen.

Ihr Roman weist deutliche autobiografische Bezüge auf: Wie die Figuren im Buch verbrachte auch Roy Teile ihrer Kindheit in Kerala, erlebte familiäre Spannungen und war mit den sozialen Hierarchien, insbesondere dem Kastensystem, konfrontiert. Obwohl es sich nicht um eine direkte Autobiografie handelt, verarbeitet sie persönliche Erfahrungen und Eindrücke literarisch.

Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin ist Roy vor allem für ihre politischen Essays bekannt. Sie setzt sich kritisch mit Themen wie Globalisierung, Umweltzerstörung, Menschenrechten und sozialer Ungleichheit auseinander und gehört zu den prominentesten intellektuellen Stimmen Indiens.

Nach ihrem literarischen Durchbruch veröffentlichte sie lange keinen weiteren Roman, sondern konzentrierte sich auf politische Texte. Erst 2017 erschien mit „The Ministry of Utmost Happiness“ ein zweiter Roman.

Lesereise — Buchreise: Arundhati Roy für Indien

  • Titel: Der Gott der kleinen Dinge
  • Erscheinungsjahr: 1999 (Deutsch)
  • Autorin: Arundhati Roy
  • Seiten: 384
  • Verlag: btb

„Der Gott der kleinen Dinge“ von Arundhati Roy ist Teil unserer Bücherreise durch die Welt.

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